Gastro-Kritiken
Unsere furchtlosen Restauranttester haben sich erneut durch die kulinarischen Untiefen und Höhenflüge der Schweizer Gastronomie gefressen – damit Sie es nicht müssen. Oder vielleicht doch. Lesen Sie selbst und entscheiden Sie weise.
«Zum Goldenen Gnagi»
Metzgergasse 7, 3011 Bern
★★★★★
SENSATIONELL
Schon beim Eintreten umhüllt einen ein Duft, der irgendwo zwischen «Grossmutters Sonntagsbraten» und «himmlische Offenbarung» liegt. Die Holzbalken an der Decke knarzen gemütlich, als würden sie einem persönlich «Grüessech» sagen. Die Kerzen auf den Tischen flackern so romantisch, dass mein Begleiter und ich uns fast in die Augen geschaut hätten – wäre da nicht die Speisekarte gewesen, die uns sofort in ihren Bann zog. Das Personal begrüsst einen mit einer Herzlichkeit, die man sonst nur von Hunden kennt, die einen drei Wochen nicht gesehen haben.
Das Hauptgericht – ein geschmortes Berner Gnagi mit Sauerkraut und Rösti – war ein Gedicht. Nein, korrigiere: Es war ein ganzer Gedichtband. Die Kruste knackte beim Anschneiden so befriedigend wie Bubble Wrap an einem Montagmorgen. Das Fleisch darunter war so zart, dass es praktisch freiwillig von der Gabel gerutscht ist. Die Rösti war aussen knusprig-golden wie ein Sonnenuntergang über dem Thunersee und innen so buttrig-weich, dass ich ernsthaft erwogen habe, meinen Zivilstand auf «in einer Beziehung mit einer Kartoffel» zu ändern.
Zum Dessert servierte man uns eine Meringue mit Nidelcreme, die so luftig war, dass ich befürchtete, sie könnte davonschweben. Jeder Bissen war wie eine kleine Wolke, die auf der Zunge zerging und dabei leise «Halleluja» flüsterte. Wer hier nicht mindestens einmal im Leben einkehrt, der hat die Kontrolle über sein Dasein verloren. Fünf Sterne, und hätte ich sechs vergeben können, ich hätte sieben gegeben – aus reiner Dankbarkeit.
«Bistro zur Müden Forelle»
Industrieweg 34, 4600 Olten
★
KATASTROPHAL
Man sagt, der erste Eindruck zählt. In diesem Fall zählte er rückwärts – von zehn auf null, und zwar in Rekordzeit. Die Eingangstür quietschte wie ein Meerschweinchen in der Pubertät, und der Geruch, der uns entgegenschlug, war eine kühne Mischung aus altem Frittierfett und existenzieller Verzweiflung. Die Neonröhren an der Decke flackerten in einem Rhythmus, der entweder Morsecode für «Flieht, ihr Narren» war oder einfach ein Elektriker-Notfall. Die Tischdecke klebte so hartnäckig an meinem Ellbogen, dass ich kurzzeitig dachte, sie wolle mich adoptieren.
Die «Forelle Müllerin Art» – man beachte die unfreiwillige Ironie im Restaurantnamen – wurde uns nach 55 Minuten Wartezeit serviert. Der Fisch starrte mich mit einem Ausdruck an, der deutlich sagte: «Mir geht es auch nicht gut.» Das Fleisch war so trocken, dass ich es theoretisch als Löschpapier hätte verwenden können. Die Beilage bestand aus Kartoffeln, die offensichtlich ein traumatisches Erlebnis mit kochendem Wasser hinter sich hatten – aussen matschig, innen noch so roh, dass sie praktisch noch in der Erde steckten. Die Sauce schmeckte, als hätte jemand Mehl in lauwarmes Leitungswasser gerührt und dann aufgegeben.
Ein Dessert haben wir nicht bestellt, weil mein Überlebensinstinkt stärker war als meine journalistische Pflicht. Die Rechnung kam allerdings schneller als das Essen – ein kleines Wunder der Effizienz in diesem Tempel der Traurigkeit. 38 Franken für ein Erlebnis, das ich auch günstiger hätte haben können, indem ich einfach einen nassen Karton ablecke. Ein Stern, und der ist ausschliesslich dafür, dass das Leitungswasser trinkbar war. Knapp.
«Pizza Paradiso da Guiseppe»
Bahnhofstrasse 112, 8001 Zürich
★★
VERNICHTEND
«Paradiso» steht über der Tür, und ich muss sagen: Dante hätte seine Komödie anders geschrieben, wenn er hier gegessen hätte – vermutlich mit mehr Höllenkreisen.Der Kellner begrüsste uns mit einem Enthusiasmus, der normalerweise Leuten vorbehalten ist, die gerade erfahren haben, dass Montag ist.
Die Pizza Margherita – angeblich «wie bei Nonna» – kam nach zwanzig Minuten und sah aus, als hätte Nonna sie aus dem dritten Stock geworfen. Der Teig war so zäh und gummiartig, dass ich ernsthaft überlegte, ob man daraus Velopneus herstellen könnte. Der Käse lag in traurigen Inseln auf der Oberfläche verteilt, wie Eisberge in einem Meer aus wässriger Tomatensauce, die verdächtig nach Ketchup schmeckte – und zwar nach dem billigen. Beim Kauen machte mein Kiefer Geräusche, die normalerweise eine physiotherapeutische Abklärung erfordern würden.
Das Tiramisu zum Dessert war so feucht, dass es technisch gesehen als Suppe hätte durchgehen können. Der Kaffeegeschmack war ungefähr so präsent wie ein scheuer Praktikant an seinem ersten Arbeitstag – irgendwo im Hintergrund, kaum wahrnehmbar. Zwei Sterne gibt es: einen für die immerhin grosszügigen Portionen (Quantität statt Qualität, das Motto der Verzweifelten) und einen, weil der Espresso am Schluss tatsächlich trinkbar war. Giuseppe, falls es dich gibt: Ruf deine Nonna an. Sie würde weinen.
«Chäs-Alchemie»
Kramgasse 21, 3011 Bern
★★★★
GÖTTLICH
Dieses Restaurant hat etwas geschafft, was ich für unmöglich hielt: Es hat Käse noch besser gemacht. Beim Betreten umfängt einen ein Aroma, das ich nur als «olfaktorische Umarmung» beschreiben kann – ein warmer, würziger Duft von geschmolzenem Gruyère, frischen Kräutern und einem Hauch von Trüffel, der einem sanft ins Ohr flüstert: «Du bist am richtigen Ort.» Das Interieur ist eine gelungene Mischung aus rustikalem Alpenchic und modernem Design, mit offener Küche, in der man den Köchen beim Zaubern zusehen kann. Die Atmosphäre ist so warm und einladend, dass selbst mein chronisch schlecht gelaunter Tischnachbar nach fünf Minuten gegrinst hat.
Das Signature-Gericht – ein dreifach gebackenes Käsesoufflé mit karamellisierten Zwiebeln und Trüffelhonig – war eine Offenbarung auf dem Teller. Die äussere Kruste zerbrach beim ersten Löffelstich mit einem leisen, fast andächtigen «Knack», und darunter offenbarte sich ein Inneres so cremig und fliessend, dass es den Gesetzen der Physik zu trotzen schien. Der Geschmack war eine Symphonie: erst der kräftige, nussige Gruyère, dann die süssliche Karamellnote der Zwiebeln, und zum Schluss der Trüffelhonig, der alles zusammenband wie ein kulinarischer Dirigent. Dazu reichte man uns ein Glas Fendant, das so perfekt dazu passte, dass ich vermute, die Trauben und die Kühe haben sich vorher abgesprochen.
Zum Abschluss gab es eine Crème brûlée mit Appenzeller-Käse-Einlage – klingt verrückt, schmeckt göttlich. Die karamellisierte Zuckerkruste knackte unter dem Löffel wie dünnes Eis auf einer Pfütze an einem Novembermorgen, und darunter verbarg sich eine Creme, die gleichzeitig süss, salzig und umami war. Mein Gehirn konnte nicht entscheiden, ob es weinen oder applaudieren sollte, also tat es beides. Vier Sterne – den fünften behalte ich als Druckmittel, damit sie mich beim nächsten Besuch an den Fenstertisch setzen. Wer Käse liebt, muss hierher. Wer Käse nicht liebt, muss trotzdem hierher – zur Bekehrung.
Leserbriefe
Ruedi Brösmeli
Emmental
Werte Redaktion, ich bin AUSSER MIR! Da lese ich in Ihrer geschätzten Gazette, dass unser Emmentaler neuerdings aus Ecuador kommt. ECUADOR! Ich habe dreissig Jahre lang jeden Morgen um halb vier meine Kühe gemolken, ihnen klassische Musik vorgespielt und den Käse persönlich in den Keller getragen – und jetzt soll irgendein Lama in Quito dasselbe Produkt herstellen? Meine Kühe weinen! Buchstäblich! Die Milch ist salziger geworden!
Und dann wundern sich alle, dass die Schweizer Wirtschaft einbricht und der Bundesrat Bezahlung in Käse erwägt. JA IN WELCHEM KÄSE DENN BITTE? Im ecuadorianischen? Soll ich meine Hypothek künftig in gefälschtem Emmentaler abstottern? Die Löcher im Käse sind mittlerweile kleiner als die Löcher in dieser Logik!
Ich fordere hiermit eine eidgenössische Volksinitiative: «Wo Loch drin ist, muss auch Schweiz drin sein!Nach Ecuador. Dort scheint man ja zu wissen, wie man Käse macht. Hochachtungsvoll und tiefst empört, Ruedi Brösmeli, Emmental.
Margrit Zornbühl-Hässig
Göschenen UR
Liebes Tagblatt, jetzt reicht es mir aber DEFINITIV! Erst will man eine Gotthard-Maut für Ausländer einführen – als ob der Stau dort nicht schon Strafe genug wäre – und dann lese ich, dass die Schweiz bald Eintritt verlangt wie ein Freizeitpark! Was kommt als Nächstes? Ein Drehkreuz am Rhein? Eine Achterbahn durch den Lötschberg? Soll ich meiner deutschen Schwägerin künftig ein Tagesticket mit Seilbahn-Flatrate schenken, damit sie mich an Weihnachten besuchen darf?
Und apropos Freizeitpark: Die leeren Büros in Zürich werden ja offenbar schon zu Escape Rooms umfunktioniert. Da sage ich nur: Die ganze Schweiz wird langsam zum Escape Room, und NIEMAND FINDET DEN AUSGANG! Mein Mann hat letzte Woche versucht, aus einem solchen Raum zu entkommen, und ist nach drei Stunden freiwillig geblieben, weil es dort wenigstens WLAN und eine Kaffeemaschine gab. Zuhause haben wir beides nicht mehr, seit die Stromversorgung ohne AKW angeblich nur noch funktioniert, wenn alle gleichzeitig in die Pedale treten.
Ich trete bereits genug in die Pedale – nämlich auf meinem Velo, für das ich jetzt offenbar auch noch eine VIGNETTE brauche! Eine Fahrrad-Vignette! Ich bin 67 Jahre alt, fahre seit 1974 Velo und habe noch NIE jemanden bestochen, im Gegensatz zu gewissen Leuten, über die Transparency International berichtet. Aber klar, Margrit soll bürokratisch schwitzen. Unfassbar!
Dr. phil. Norbert Schnurrenberger
Basel
Geschätzte Redaktion, als langjähriger Abonnent und dreifacher Träger des Basler Kulturpreises für angewandte Empörung muss ich mich zu diesem Florian-Wirtz-Artikel äussern. Basel soll sich FREIWILLIG an Deutschland anschliessen? Haben Sie den Verstand verloren? Ich habe 1989 den Mauerfall im Fernsehen gesehen und gedacht: «Gut, dass wir Schweizer sind.» Und jetzt soll ein einzelner Fussballer ausreichen, damit wir unsere 700-jährige Unabhängigkeit über Bord werfen? Der Junge ist talentiert, keine Frage, aber mein Coiffeur kann auch Zaubertricks und trotzdem annektiere ich nicht seinen Salon!
Überhaupt, dieser ganze Fussball-Wahnsinn! Borussia Dortmund kauft alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist, der VfB Stuttgart braucht eine Schweigeminute für seine Vereinskasse, und Kimmich hat eine existenzielle Sinnkrise auf der Rechtsverteidiger-Position. EINE SINNKRISE! Ich hatte meine Sinnkrise mit 42, als ich realisiert habe, dass mein Doktortitel in Philosophie weniger wert ist als eine Saisonkarte im St. Jakob-Park. Und ich habe mich nicht öffentlich beschwert! Zumindest nicht in der Zeitung. Bis jetzt.
Vreni Stürmli-Donner
Appenzell Innerrhoden
So, jetzt muss ich aber mal Dampf ablassen, sonst explodiere ich wie eine RUAG-Rakete – oh warten Sie, die kommen ja 2025 gar nicht zum Fliegen! Genau wie meine F-35-Jets, für die wir MILLIARDEN ausgegeben haben und die jetzt offenbar gestoppt werden, weil die Amerikaner sich davon lieber einen Döner kaufen. EINEN DÖNER! Für Milliarden! Das muss ein verdammt guter Döner sein. Mit extra Knoblauchsauce und doppelt Fleisch, nehme ich an.
Und dann dieser EU-Deal! «Fondue-Verrat» nennen das die Gegner, und ich muss sagen: Da haben sie ausnahmsweise recht. Fondue ist HEILIG. Fondue ist das Fundament unserer Demokratie. Wenn Sloterdijk vor dem «EU-Suppentopf» warnt, dann sage ich: Der Mann hat noch nie ein richtiges Fondue gegessen, sonst würde er wissen, dass wir Schweizer unsere Töpfe SELBST rühren! Und zwar im Uhrzeigersinn, wie es die Tradition verlangt, und nicht in diesem chaotischen EU-Gegenuhrzeigersinn!
Apropos Chaos: Junge Schweizer stimmen nicht mehr ab, weil der Abstimmungssonntag mit dem Brunch kollidiert. MIT DEM BRUNCH! Meine Generation hat im Schneesturm abgestimmt, barfuss, bergauf, in BEIDE Richtungen! Und der Bauernverband empfiehlt «vielleicht». VIELLEICHT! Das ist wie wenn mein Mann fragt, ob er den Zaun reparieren soll, und ich sage «vielleicht» – dann steht der Zaun in zehn Jahren immer noch schief. Wie die Schweizer Politik.
Giancarlo «Gian» Wutrelli
Lugano TI
Cari amici della redazione, ich schreibe Ihnen aus dem wunderschönen Tessin, wo wir bekanntlich von ALLEM betroffen sind, aber von NIEMANDEM gefragt werden. Jetzt lese ich, dass die Schweizer Eishockey-Nati als Team des Jahres geehrt wurde und die Spieler dachten, es sei ein Fondue-Abend. Ein FONDUE-ABEND! Wir im Tessin essen Polenta, aber das interessiert natürlich niemanden nördlich des Gotthards – für dessen Durchfahrt Ausländer bald Maut zahlen sollen, während ICH als Tessiner wahrscheinlich auch zahlen muss, weil Bern regelmässig vergisst, dass wir existieren!
Und dann diese Geschichte mit Revolut, die 240'000 Schweizer Kunden gewinnt, während die UBS mit GRATIS-KUGELSCHREIBERN kontert. Ich habe bei meiner UBS-Filiale nachgefragt: Der Kugelschreiber schreibt nicht einmal! Er ist so nützlich wie ein NATO-Botschafter, der vor dem Weltuntergang warnt, während Bundesbern erstmal Kaffee bestellt. Kaffee! Als ob Kaffee jemals ein Problem gelöst hätte! Gut, in meinem Fall schon, aber das ist eine andere Geschichte.
Was mich aber am MEISTEN aufregt: Daniel Yule verliert den Kitzbühel-Slalom um 20 Hundertstel und verlangt eine Nachzählung wie bei einer Bundesratswahl. Wissen Sie was? Er hat RECHT! Wenn das kanadische Curling-Team seine Steine mit Bluetooth steuern darf, dann darf Yule verdammt nochmal nachzählen lassen! Und Stefan Küng bewirbt sich um ein Patent auf Silbermedaillen – da sage ich: Mein ganzes Leben ist eine Silbermedaille. Immer Zweiter. Zweiter Kanton, zweite Landessprache, zweite Geige. Aber wenigstens haben wir die bessere Küche. Das ist FAKT und nicht verhandelbar!
Rätsel
Willkommen zum Hirn-Workout der Woche! Wenn Sie nach dem Lösen dieses Rätsels immer noch klug sind, haben Sie vermutlich geschummelt. Schnappen Sie sich einen Bleistift, einen Radiergummi und vielleicht auch gleich ein Glas Wein – Sie werden alles davon brauchen.
Kreuzworträtsel
Waagrecht
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